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Verkaufe Haushalt – Suche Freiheit (Ein Gastartikel von www.meine-umwege.de)

Verkaufe Haushalt – Suche Freiheit


An das Datum an dem ich entschieden habe auf Weltreise zu gehen und alles wegzugeben, erinnere ich mich nicht mehr. Aber daran, dass es ein Donnerstagmorgen im Bett war und daran, dass mein erstes Bauchgefühl sagte: “Ich werde alles verkaufen, was ich besitze“. Was für ein befreiendes Gefühl! Oder doch nicht? Mut und Angst geben sich in den letzten Monaten die Klinke in die Hand. Ich lechze nach Freiheit und meine Umgebung projiziert ihre Sorgen auf mich. Laut Duden ist Besitz die „Gesamtheit der (materiellen) Güter, die jemand geerbt oder erworben hat, sodass er bzw. sie darüber verfügen kann“. 65 qm können eine immense Menge an Gütern beinhalten.

Ich habe einen komplett eingerichteten Haushalt. Von diversen Backutensilien, zwei Küchenmaschinen und jede Menge Geschirr, über viel Deko, zwei Kleiderschränke und rund 80 Paar Schuhe bis hin zu zwei vollen Kellern und einer Garage inklusive Auto habe ich so ziemlich alles für fast jede Lebenslage. Bis vor ein paar Monaten war alles was ich besaß auch noch sehr wichtig für mein Überleben. Jetzt sage ich: verrückt! Wie kann man nur so viele Dinge anhäufen? Hat es mich glücklicher gemacht? Nein. Hat es eine meiner misslichen Lebenslagen verändert? Nein! Aber man denkt das in dem Moment, wenn man es kauft. Man wünscht sich diese Ablenkung und hofft auf ein besseres Gefühl, wenn ein neues Kleid zwischen all die anderen Kleider gezwängt wird. Ich habe einen Single-Haushalt und zwei komplette Geschirrsets!! ZWEI! Wozu? Wenn es hochkommt, benutze ich nur die oberen fünf Teller. Ich besitze einen Milchtopf von WMF. Wann habe ich das letzte Mal Milch gekocht? Winter 2015 für einen einzelnen Kakao. Ich habe einen Sandwich-Maker von Spongebob! Er ist 7 Jahre alt und unbenutzt! Ich habe rund 80 Paar Schuhe, davon ca. 40 Paar High Heels, kann aber nach einer Fuß-OP vor 2,5 Jahren die meisten nicht mehr tragen. Kannst Du Dir das Gefühl vorstellen, wenn Du Dich innerhalb einer einzigen Nacht einfach von Deinen Dingen verabschiedet hast? Wenn Dir das alles nichts mehr bedeutet? Und kannst Du Dir dann vorstellen, wie es sich anfühlt diese Dinge Teil für Teil loszuwerden? Wenn Deine Finger über die Stapel Shirts gleiten und Du darüber nachdenkst, dass in einem halben Jahr Dein kompletter Besitz in einen einzelnen Rucksack 50+10l passen wird? Es ist die pure Befreiung. Mit jedem verkauften Teil spürst Du, wie Dein Atem tiefer und intensiver wird. Wie bei einem Aufstieg auf einen Berg. Die Luft wird immer klarer mit jedem Schmuckstück, das Deine Schubladen verlässt. Wie oft hat Dich eins dieser Besitztümer in die roten Zahlen Deines Kontos getrieben, in der Hoffnung die Wunden zu schließen. Und wie oft dachtest Du, dass es genau dieses Teil ist, das Du so dringend in Deinem Leben benötigst um am Ende festzustellen, dass es nicht annähernd seinen Zweck erfüllt hat. Als ich an dem Donnerstagmorgen diese Entscheidung traf, ging ich am darauffolgenden Freitag ins Shoppingcenter und tauschte drei Teile um, die ich die Tage zuvor gekauft und noch mit Preisschild zu Hause in den Plastiktüten liegen hatte. Ein Paar Schuhe, ein Kleid und ein paar Tassen. Ist ja nicht so, dass ich nicht schon 14 Tassen hätte. Und als ich danach wieder 100€ in meiner Hand hielt war klar: Ich will mehr davon. Das Geld, was ich natürlich in meine Reise investieren werde, ist zweitrangig. Ich kaufe mir aber mit dem Verkauf etwas zurück: Luft zum Atmen.

Als ich meiner Familie sagte, dass ich alles verkaufen möchte, wurde meine Euphorie in Grund und Boden diskutiert. Man müsse doch etwas behalten für die Zeit, wenn man wiederkommt. „Eine solche Couch werde ich nicht nochmal kaufen können, wenn ich quasi als „Arbeitslose“ zurückkehre. Und die Küche ist die teuerste Anschaffung. Wenn ich wieder hier bin, werde ich ganz sicher nicht so schnell so eine tolle Echtholzküche finden, die so toll ausgestattet ist.“

Und so tauche ich tief ein in das Bad aus Zweifeln und Ängsten. Also ändere ich meine Meinung und beschließe meine Garage zu behalten, in der ich Möbel einlagern kann. Immer mehr zweifelnd beschließe ich, vier Teile meiner Einrichtung zu behalten. Die Couch, die Küche, einen Kleiderschrank und meinen Wohnzimmerschrank. Also quasi mehr als die Hälfte meiner Möbel. Wenn ich scheitere, werde ich wenigstens die Sachen noch in meiner dann neuen und vom Arbeitsamt bezahlten Wohnung haben. Und immer wieder springen mir Dinge ins Auge, die ich so gerne behalten wollen würde. Die Laterne noch oder eine der Küchenmaschinen. Bis man mich auch noch davon überzeugen will meine Wohnung zu behalten. Ich merke wie sehr mich das alles ängstigt. Ich kriege erneut keine Luft mehr, steige von meinem Freiheits-Berg hinab ins Meer der Ängste und tauche immer tiefer.
Und dann kommt dieses eine Gespräch mit einer sehr prägenden Aussage eines mir sehr lieben Menschen: Du musst nicht immer nur auf die hören, die von Deiner Idee so begeistert sind, sondern auch mal auf die, die sich Sorgen machen und nur das Beste für Dich wollen! Und meine Antwort darauf kam aus meinem Mund, bevor ich darüber nachdenken konnte: Vielleicht muss ich auch mal auf mich selbst hören! Bäääm!

Ja verdammt. Ich muss auf mich und mein Bauchgefühl hören, auf mein Herz. Denn wenn ich etwas im Leben gelernt habe ist es, dass ich ein verdammt gutes Bauchgefühl habe. Und was hat es mir an dem Donnerstagmorgen gesagt? „Du wirst alles weggeben, was Du hast!“
Und so stehe ich wieder am Anfang, an diesem Donnerstagmorgen. Ich höre auf mich und ich gebe alles weg, dass ich besitze. Man sagte mir mal: „Schütze die Menschen, die Dich lieben und erzähle ihnen nicht alles was Du vor hast. Spare Details aus um sie nicht zu verletzen und zu verängstigen.“ Und so handele ich jetzt. Ich spare mir gewisse Details um gewissen Gesprächen aus dem Weg zu gehen. In meinem Alter darf ich doch selbst entscheiden was ich mache! Aber da ich ein sehr intensives Verhältnis zu meiner Familie habe, möchte ich sie schützen. Ich möchte, dass Sie glücklich sind und ich möchte ihnen nicht sagen, dass ich nicht weiß ob ich zurückkommen werde.
Ich liebe meine Familie und wir haben ein wirklich tolles Verhältnis. Sie machen sich Sorgen, dass mir etwas passieren könnte und ich bin froh, eine sorgende Familie zu haben. Sie befürchten, dass ich meine Sicherheiten hier aufgebe und eventuell am Ende nichts mehr habe. Aber ich weiß was zur Not da ist: Meine Familie. Das gibt mir die wichtigste Sicherheit die ich heute benötige. Wenn etwas ist, sind sie sofort da und ich muss keine Angst haben. Mehr Sicherheiten benötige ich in meinem Leben nicht.
Also ja: Ich bin glücklich über meine Entscheidung und ich bin glücklich darüber wie sich diese Entscheidung auf mein Befinden auswirkt. Damit habe ich nicht gerechnet. Selbstverständlich tauchen Ängste und Zweifel immer mal wieder aus den Tiefen auf, aber wir müssen akzeptieren, dass sie da sind und müssen daran glauben, dass wir trotzdem alles schaffen können, wenn wir nur fest daran glauben und hart dafür arbeiten. Dazu gehört auch, sich selbst kennenzulernen, auf sich zu hören und zu akzeptieren, dass eine gewisse Menge an Ängsten auch gut für uns ist.

Ich bin Alex, fast Mitte 30, in Polen geboren und in Deutschland aufgewachsen. Ich habe beschlossen meinen sicheren Hafen zu verlassen um die Welt zu sehen und möchte Dich auf diese Reise auf meinem Blog www.meine-umwege.de mitnehmen.

Comments 2

  1. Nate

    Das ist ein wundervoller Beitrag, Alex! Ich konnte genau mitfühlen, weil es mir genauso ging. Vor ein paar Monaten habe ich gesagt: Ich verkaufe alles! Dann bin ich aus Angst wieder zurück gerudert. „Wer weiß denn schon, wie lange ich unterwegs bin? Dann hätte ich immerhin ein Zimmer, für den Fall, dass alles schief läuft.“ Nach einigen Gesprächen mit Freunden und meiner Schwester war mir dann wieder klar, dass ich doch alles verkaufen will. Weg mit dem Scheiß! Ich habe auch sooooo viel Zeug, dass ich nie benutze und nur für den Fall X besitze.
    Ich bin gerade auch schon dabei, alles zu verkaufen. Allerdings habe ich nicht ganz so viel Zeug wie du, weil ich auch in einer WG wohne.
    Im Endeffekt hat mir auch genau die Einsicht weitergeholfen: Ich werde meine Familie und Freunde ja trotzdem noch haben. Irgendwo kommt man immer unter, wenn man zurückkommt.
    Wenn man es jahrelang nur mit einem Rucksack schafft, dann wird das auch noch in der Heimat gehen! 🙂

  2. Tom Stämpfli

    Liebe Alex!
    Herzlichen Dank für Deinen Blogbeitrag. Mit der Ausnahme, dass ich nicht 80 Paar Schuhe habe, konnte ich mich sehr gut in Deine Gefühlswelt hinein versetzen 😉

    Mir ging es genau gleich. Am Anfang möglichst alles weg – einfach frei sein. Danach stellte ich fest, wie wenig materiellen Wert meine gebrauchten Dinge für andere Menschen hatten. Zusätzlich kamen die Gefühle, welche ich mit diesen Sachen verbinde.

    Am Schluss entschied ich etwas verwirrt in meiner Gefühlswelt alles stehen lassen und für ein paar Wochen zu reisen. In meinem Hinterkopf konnte ich mich nicht wirklich an der Reise erfreuen. Es wurde mir immer mehr bewusst was für laufende Kosten ich neben dem Reisen hatte.

    Immer mehr wird mir bewusst, dass mein Umfeld von einer Auszeit spricht ich jedoch für mich von einem neuen Lebensstil. Sollte ich mich wieder sesshaft machen, habe ich vielleicht andere Bedürfnisse und möchte nicht einfach mit den alten Gegenständen an mein altes Leben anknüpfen.

    Danke für den Hinweis wieder auf die eigene Intuition zu hören. Vor lauter Stimmen war meine innere Stimme ganz leise und fast nicht mehr hörbar geworden.

    … und last but least ist wirklich das Wichtigste die Beziehungen zur Familie oder richtige Freunde, welche für eine begrenzte Zeit gerne ein Bett zur Verfügung stellen.

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